Letztes Sonntag endete die Münchner Sicherheitskonferenz (MSC). Seither sind drei Tage vergangen. Zeit genug, das Gesehene, aber vor allem das Gehörte, nun mit etwas Abstand substanziell einzuordnen.
Eines wurde deutlicher als je zuvor:
Europa geht auf Distanz zu den USA. Diese Abnabelung ist ein Prozess, den andere Teile der Welt – man denke an die BRICS-Staaten und die Länder des „neuen Südens“ – längst vollzogen haben. Auch in Südamerika haben die USA massiv an Stellenwert verloren. In München wurde nun das Ende einer Ära zumindest gedanklich besiegelt.
Seit 1963 ist die MSC der zentrale Treffpunkt für Staats- und Regierungschefs, Diplomaten und Journalisten. Doch während die Anfänge im Hotel Bayerischer Hof bescheiden waren, versammelten sich am vergangenen Wochenende allein über 60 Staats- und Regierungschefs. Das Ergebnis war eine Flut an Reden über Geopolitik, die jedoch ein tiefes Zerwürfnis offenbarten.
Der tiefe Riss im transatlantischen Fundament
War München lange Zeit ein Ort der gegenseitigen Rückversicherung einer lebendigen transatlantischen Freundschaft, so sind diese Zeiten seit der Rückkehr von Donald Trump ins Weiße Haus endgültig vorbei. Die Europäer wurden seither zu oft gegängelt und unter Druck gesetzt. Dieser schlechte Stil rächte sich nun in der bayerischen Landeshauptstadt.
Bereits im Vorjahr hatte US-Vizepräsident JD Vance mit einer unhöflichen Rede den Bruch eingeleitet. In diesem Jahr setzten Bundeskanzler Friedrich Merz und US-Außenminister Marco Rubio diesen Weg fort. Vielleicht leiser, aber in der Sache umso deutlicher. Europa verschiebt seine innere Landkarte, da „America First„ zur unumstößlichen Doktrie geworden ist. Amerika steht also nicht mehr in absoluter Freundschaft zu Europa, sondern nur noch für sich selbst. Die alten Partner werden in diesem neuen System nicht mehr gebraucht.
Dieses Thema dominierte die Konferenz so stark, dass Krisenherde wie die Ukraine, der Nahe Osten oder der Iran fast in den Hintergrund gerieten, obwohl sie auf den Podien präsent waren. Hier sind die fünf zentrale Beobachtungen des „Human Invest Think Tank“ (➥HITT) über diese Konferenz.
1. Europas vermeintliche Stärke und Amerikas Forderungskatalog
Bundeskanzler Friedrich Merz versuchte zum Auftakt, Stärke zu demonstrieren. Seine Kernbotschaft: Europa besinnt sich auf seine Stärken und bietet den USA eine Partnerschaft nur noch auf Augenhöhe an. Basierend auf ausschließlich europäischen Interessen und Werten. Merz sprach den USA damit klar den Führungsanspruch ab, den er als „verspielt“ bezeichnete.
Die Glaubwürdigkeitslücke des Kanzlers
Doch hinter der Fassade bröckelt es. Im Inland gilt der Kanzler vielen als jemand, der große Versprechen gibt, diese aber selten hält. Die Umfragewerte und die Stimmung in der Bevölkerung sprechen eine klare Sprache. Es bleibt fraglich, welche europäischen Partner Merz für seinen Kurs gewinnen kann, wenn das Fundament im eigenen Land so instabil ist. Ökonomische Sicherheit lässt sich nicht durch Rhetorik allein herstellen.
2. Das Ende der Gemeinsamkeiten: Die Rubio-Rede
Die Replik von Marco Rubio machte deutlich: Die Positionen passen nicht mehr zusammen. Zwar gab es im Saal Standing Ovations, doch diese waren eher Ausdruck der Erleichterung, dass Rubio, im Gegensatz zu Vance ein Jahr zuvor, zumindest den äußeren Stil wahrte. Inhaltlich jedoch blieb es beim harten MAGA-Kurs:
- Eindämmung der Massenmigration
- Abkehr vom Klimaschutz
- Fokus auf fossile Energieträger
Jeder Fachmann im Saal wusste, dass die Leugnung des Klimawandels und die Rückkehr zu fossilen Energien sowohl ökonomischer wie auch ökologischer Wahnsinn sind. Die USA beschreiten hier einen Weg, der sie schon mittelfristig in der Wirtschaft sehr stark schwächen wird. Während Kanzler Merz und Außenminister Johann Wadephul versuchten, eine pragmatische Arbeitsebene zu finden, blieb die Erkenntnis: Die USA sind völlig vom Weg abgekommen. Und Chinas Delegierte sassen da und lächelten.
3. Die nukleare Frage: Ein Schirm ohne Vertrauen
Können sich die Europäer noch auf den US-Atomwaffenschirm verlassen? Während die US-Delegation (etwa Elbridge Colby) dies beteuert, ist das Vertrauen zerstört. Die Bundesregierung zeigt sich hier tief gespalten. Während Merz und Emmanuel Macron über eine eigenständige europäische Abschreckung nachdenken, klammert sich Verteidigungsminister Boris Pistorius an alte Verträge.
Doch Verträge bedeuten einer Nation wie der USA, die moralische Werte dem Populismus opfert, wenig. Macron kündigte bereits eine „weiterentwickelte französische Abschreckungsdoktrin“ an. Es droht ein massiver Streit innerhalb der schwarz-roten Koalition über die künftige Sicherheitsarchitektur.
4. Die Power Chinas: Multilateralismus als Gegenentwurf
Einen scharfen Kontrast zur US-Delegation bot Chinas Außenminister Wang Yi. Er strahlte auch eine Souveränität aus, die den Saal schlagartig verstummen ließ. Er präsentierte China als Bewahrer der Weltordnung und des Multilateralismus.
Was bedeutet Multilateralismus?
Multilateralismus bezeichnet die Zusammenarbeit vieler Staaten bei der Lösung internationaler Probleme und der Gestaltung der Weltordnung auf Basis gemeinsamer Regeln, statt auf das Alleindiktat einer einzelnen Supermacht zu setzen.
Wang Yi betonte, dass Europa und China Partner auf dem Weg zu einer multipolaren Welt seien. Er positionierte sich klar gegen jene, welche die Vereinten Nationen unterlaufen wollen. Während die USA durch massive Verschuldung und gesellschaftliche Zerrissenheit im Niedergang begriffen sind, setzt China auf Dialog und wirtschaftliche Stabilität.
5. Taten statt Worte: Der ökonomische Blindflug
Verteidigungsminister Pistorius kündigte an, die Verteidigungsausgaben bis 2029 auf 3,5 Prozent des BIP zu steigern. Unter rationalen Ökonomen sorgt dies für Bestürzung. In einer Zeit, in der die deutsche Infrastruktur verrottet, die Sozialsysteme kaum finanzierbar sind und Investitionen in KI und Robotik fehlen, ist das Verpulvern von Milliarden in das Militär ein fataler Fehler. Über diesen Aspekt, und der absoluten Unfähigkeit des deutschen Bundeskanzlers der Politik eine vernüftige Richtung zu geben, haben wir ja bereits in ➥einem Artikel vor einer Woche berichtet.
Wirtschaftliche Stärke ist die wahre Sicherheit. Jeder Cent, der nicht in die Wirtschaft fließt, ist verlorenes Geld. Pistorius und Merz agieren hier nicht wie vorausschauende Staatsmänner, sondern wie Akteure, die den Bezug zur ökonomischen Realität verloren haben. Deutschland kann sich keine „militärische Führungsrolle“ leisten, wenn es wirtschaftlich am Boden liegt.
Fazit: Denken wie Kaufleute
Stärke liegt heute nicht mehr im Kampf, sondern in der ökonomischen Prosperität und in der Schaffung verlässlicher Partnerschaften. Deutschland muss lernen, wieder wie ein Kaufmann zu denken. Ein kluger Kaufmann greift seine Kunden und Lieferanten nicht an. Nur wenn die Politik erkennt, dass der wirtschaftliche Wohlstand der Bevölkerung über militärischem Geltungsdrang steht, kann es einen dauerhaften Frieden in einer multilateralen Welt geben. Es bleibt zu hoffen, dass die Wähler bei den kommenden Wahlen ein deutliches Zeichen gegen diese aktuell kriegstreiberische und ökonomisch blinde Politik setzen. Und sei dies vorab nur als Symbol.



